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Im Februar 2014 bricht Nino Strauch zu einer zehntägigen Fotoreise nach Tokio auf. Er ist fasziniert von dieser Stadt der Superlative.

 

Der urbane Kernbereich hat zwar „nur“ circa neun Millionen Einwohner, dafür zählen die Vorstädte Yokohama, Saitama und Kawasaki ebenfalls mehrere Millionen Menschen. Insgesamt kann die Metropolregion Tokio mit 37 Millionen Einwohnern aufwarten und gilt somit als die größte der Welt. Zugleich ist Tokio das
Finanz-, Industrie-, Handels-, Bildungs- und Kulturzentrum Japans. Die Stadt ist geprägt von Tradition und Moderne, von Asien und wesentlich auch von Europa. 

 

Nino Strauch ist überwältigt von den Größenverhältnissen, den Massen aus Stahl und Beton. Er macht sich auf die Suche nach spannenden Standorten, „Seh-Orten“, wie sie der Architekturfotograf Klaus Kinold so treffend nennt. 

 

Sein Blick ist bewusst und selektiv, er isoliert einzelne Baukörper oder fokussiert komplexe Ansichten, Motive, die er für abbildungswürdig hält. Er visiert streng geometrische Formen, sucht kühne grafische Linien, komplizierte Durchblicke. Er fotografiert imposante Stahlkonstruktionen, Brücken und Baukuben aus zum Teil schwindelerregender Höhe, wie zum Beispiel vom Skytree Tower aus 450 Meter Höhe oder vom Tokio Tower, einem der Wahrzeichen der Stadt. 

 

Nino Strauch zeigt kühle Architekturfotografie, der der „Zauber der Präzision“ innewohnt – ein Begriff, den der Bauhaus-Fotograf Walter Peterhans schon in den 20er Jahren für dieses Phänomen geprägt hat. Parallel dazu sucht er auch nach Möglichkeiten das rasante Leben dieser Stadt, die ebenso wie New York niemals schläft, wo auch am Sonntag gearbeitet wird, und man mehr außer Haus als drinnen wohnt, zu erhaschen. Er will das en passent, das flüchtige Vorübergehen, dauerhaft festhalten. Kein Motiv eignet sich hierfür besser als die Shibuya Crossing, die weltberühmte Diagonalkreuzung, die zu Spitzenzeiten pro Ampelphase von bis zu 15.000 Menschen überquert wird. Mit bewegungsunscharfen Bildern aus der Hand symbolisiert Nino Strauch die Geschwindigkeit und Geschäftigkeit der Menschen. Die dadurch entstehende spektrale Linienführung ähnelt den Linien der Bauwerke und den Routen, die die Menschen durch die Stadt nehmen. 

 

Im Kontrast zu den Menschenmassen, in die Strauch „übertage“ und „untertage“ in den dicht gedrängten, überbevölkerten U-Bahnen Stationen eintaucht, erkennt er auch den einzelnen Menschen und trifft auf ihn völlig isoliert in dieser hoch technologisierten Welt. Auch verlassene Parks und kaum belebte Plätze gehören zum Erscheinungsbild Tokios. 

 

In diesem Katalog präsentiert Nino Strauch mit faszinierenden Fotografien die viele Facetten dieser Megastadt. Er setzt den Spot auf bestimmte Momente der Gegenwart und provoziert Fragen nach dem Davor und Danach.

 

 

Heidrun Bucher-Schlichtenberger
Kunsthistorikerin M.A.