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Oft haben Menschen während ihrer Reise in Myanmar geweint. Ich habe selbst leise Tränen tropfen hören. Doch es waren nicht Tränen der Traurigkeit, sondern der Erkenntnis. Wenn wir ehrlich sehen, das heißt ohne Scheuklappen und Interpretation, sind wir zutiefst berührt auf eine Art und Weise, für die Sprache keine Worte findet. Wahrheit spricht aus den Augen, und manchmal nimmt sie die Form einer Träne an. Irgendwo in diesem Land, zwischen Militärs und goldenen Pagoden, leben über 53 Millionen Menschen, die auch wir sein könnten. 

Am Beginn einer Begegnung steht da ein Mensch, dessen Augen erst zögerlich abtasten und sich irgendwann in einen scharfsinnigen Blick verwandeln. Diesem standzuhalten, erfordert Mut und vielleicht eine gewisse Anstrengung, doch wird er belohnt mit etwas, das größer ist: Lebendigkeit, Menschlichkeit, Hoffnung. 

Mingalaba - willkommen in Myanmar!

Man könnte sagen, die Zukunft ist da, aber sie weiß nicht, ob sie bleiben darf. Die Menschen in Myanmar haben die seltsame Gabe, sich gleichzeitig in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufzuhalten. Auf meiner ersten Reise im Frühling 2015 verbrachte ich einige Tag am südlichen Zipfel des Landes nahe der thailändischen Grenze. Es war heiß, klebrig, grau. Im Wasser schwammen Plastiktüten als Zeichen der Zivilisation und nichts ließ vermuten, dass am Horizont des indischen Ozeans ein Inselparadies seinen Dornröschenschlaf hält. Das Mergui Archipel wird bald vom Tourismus entdeckt werden. Ich lernte Andy kennen, einen smarten zwanzigjährigen Burmesen, der sich Englisch über Youtube beibrachte. Noch ist Andy damit beschäftigt, den wenigen hier strandenden Reisenden zu erklären, warum man die Inseln nicht besuchen dürfe. No permission. Dass er nicht einfach mit ihnen auf die Inseln schippern könne, sondern warten müsse. Warten, bis er eine staatliche Zulassung als Guide hat und das Gebiet offiziell für den Tourismus freigegeben wird. 

In den Nächten in Myanmar wanderten Gesichter durch meine Träume. Da war die Frau von der Bootsanlegestelle, aus deren Augen die Sehnsucht sprach, die Andy zuvor mit Worten zu erklären versuchte. In ihrem Blick lag ein stilles Verlangen, ohne zu fordern. Es war, als schimmere das Archipel durch ihre Augen. Irgendwann werden die Boote hier ablegen, irgendwann. Vielleicht besuchten mich auch ihre Nats, die Geisterwesen, die die Burmesen verehren. Nats können beides: beschützen und beunruhigen. 

Nachdem ich von meiner ersten Reise zurückkehrte, verblasste die Erinnerung nicht. Im Gegenteil, je mehr Abstand ich gewann, desto tiefer war ich berührt. Dieser Gedanke war der Anstoß, das fotografische Projekt fortzuführen, das sich mit einem Land beschäftigt, das verzaubert, verärgert und verzeiht. Ich beschloss, ein zweites Mal nach Myanmar zu reisen, um einen besseren Querschnitt von Land und Leuten zeigen zu können – so nah am Leben wie möglich. 

Einerseits war es sicherlich gewagt, Myanmar für ein fotografisches Projekt zu wählen, ausgerechnet ein Land, von dem wir im Westen nicht mal sicher wissen, wie es heißt: Burma, Birma oder doch Myanmar? Anderseits kann meine Entscheidung so falsch nicht gewesen sein, wenn im Konsens die internationale Presse verkündet: Das Land ist auf der Überholspur. Myanmar zeigt das stärkste Wirtschaftswachstum im asiatischen Raum, reduziert in beeindruckendem Tempo den Anteil der Hungernden und begrüßt eine rasant wachsende Zahl von Touristen. Es steht auf der Agenda der Weltpolitik. Im November 2015 wählten die Burmesen das erste Mal frei und demokratisch. Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi gewann mit ihrer Partei NLD und formte die erste zivile Regierung nach 50 Jahren Militärdiktatur. Im September 2016 veranlasste Barack Obama die Aufhebung der jahrzehntelangen Wirtschaftssanktionen und eröffnete Myanmar damit neue weltwirtschaftliche Perspektiven. 

Wenn es stimmt, dass die Vergangenheit der Spiegel der Gegenwart ist, dann ist die Zukunft des Landes dennoch ungewiss. Unter die Euphorie der politischen Öffnung mischen sich Meldungen über aufflammende Bürgerkriege, in denen verschiedene Ethnien und ihre Armeen sich blutig bekämpfen. Myanmar ist ein Vielvölkerstaat, der über 130 Ethnien zählt. Wo ist die nationale Einheit, die die junge Demokratie so dringend bräuchte? Man muss fragen, ob sie überhaupt jemals existierte. 

Als sich Myanmar 1947 aus den Fesseln der britischen Kolonie befreite, war es der gemeinsame Feind, der verband. Doch General Aung San, der als Held in die Geschichte einging, weil er erfolgreich in London die Unabhängigkeit verhandelte, wurde einige Tage nach seinem Triumph von politischen Rivalen erschossen. Was folgte, war das genaue Gegenteil der ersehnten Freiheit, nämlich eine über fünf Jahrzehnte dauernde Militärdiktatur, deren mächtiger Schatten bis heute nicht weichen will. General Ne Win ruinierte und isolierte das Land. Er war der Kopf des bis dato am längsten regierenden Militärregimes der Welt – vergleichbar mit Systemen wie in Nordkorea oder Eritrea. 

1988 betrat dann eine Frau mit stets geradem Rücken und Blume im Haar die Bühne. Aung San Suu Kyi ist die Tochter des einstigen Unabhängigkeitshelden, General Aung San, und wird liebevoll „the lady“ genannt. Sie führte eine Demokratiebewegung, die immer wieder von Aufbruchsstimmung in Paranoia umschlug. Mönche protestierten neben Studenten und wurden inhaftiert, gefangen genommen und gefoltert. Die Lady selbst wurde von der Militärjunta insgesamt 15 Jahre unter Hausarrest gestellt, was jedoch die Symbolkraft ihrer Person nur stärkte. Seit 2011 trägt ihre Arbeit langsam Früchte. Es ist ein Öffnungsprozess im Gange, in dem die Generäle radikale Reformen zulassen – mehr oder weniger freiwillig und um Jahre verspätet. Heute dirigiert die Lady aus der zweiten Reihe und leitet das Außenamt. Das Amt des Präsidenten bleibt ihr verwehrt, weil die vom Militär durchgedrückte Verfassung dies nicht zulässt. Das Metronom schlägt, wenn auch mit Aussetzern. 

Es ist absurd zu glauben, ein Land könnte innerhalb eines Wimpernschlagses Unterdrückung und Armut aus dem Kollektivgedächtnis verschwinden lassen. Lange war mir nicht mehr bewusst, wie real Politik sein kann, bis man sie in jeder Zelle spürt, weil sie in der Frequenz der Angst schwingt. Ich verfolgte zu keinem Zeitpunkt eine politische Motivation mit diesem Projekt, aber ohne politischen Hintergrund ist dieses Land nicht zu fassen. Das wäre, als wolle man baden gehen, ohne nass zu werden. 

Die Vorbereitung für meine Touren war anspruchsvoll. Ich recherchierte und las, was ich kriegen konnte. Durch meine weltweiten Reisen ahnte ich, dass Armut und Ursprünglichkeit nur zu gerne romantisiert werden, um westliche Touristenhorden auf ihrer Suche nach Authentizität zu begeistern. Ich meine das nicht abwertend; ich will nur sagen, dass ich aus meiner Erfahrung gelernt habe und darauf vorbereitet war, dass das unberührte Paradies in Wahrheit das Fragment einer üblen Isolation sein könnte. Meine Vermutung sollte sich mancherorts bestätigen. In Städten wie Yangon und Mandalay ist der Tourismus längst kein Fremdkörper mehr, sondern Geschäft. Das schnelle Geldverdienen wird zur obersten Maxime. Doch es wäre anmaßend, an dieser Stelle moralische Überlegenheit vorzutäuschen und zu urteilen. Man denke an Enzensberger, der es besser wusste: „Der Tourist zerstört was er sucht, indem er es findet.“ 

Meine Suche nach den Wegen abseits der touristischen Hauptroute sollte sich als schwierig erweisen. Einige Gebiete waren für Ausländer nicht passierbar, andere erforderten besondere Genehmigungen. Ich erhielt wertvolle Unterstützung, wichtige Hinweise und Ansprechpartner durch das „Projekt Burma“ aus Filderstadt. Es schlich sich eine Demut ein, wie ein gutmütiger Nat-Geist. Konnte ich mit meinen Bildern dieses Land in seiner Vielfalt überhaupt abbilden? Damit ich eine Fläche, doppelt so groß wie Deutschland, so intensiv wie möglich bereisen konnte, nahm ich zwei Schiffe, sechs Flüge und sieben Nachtbusse. Erfahrene Führer wanderten mit mir über 60 Kilometer in den Arakan Bergen und rumpelten 14 Stunden am Stück mit dem Roller über unbefestigte Straßen. 

Ich war weder als Aktivist noch als Reporter unterwegs, sondern als Mensch, der einem naiven Wunsch folgte: ein Gefühl aufzuspüren und es zu dokumentieren. Es ist ein Gefühl, das ich bisher in keinem anderen Land der Welt so eindringlich wahrnahm. Eines der Verwirrung, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig zu sein. Bei den vielen Begegnungen wollte ich den Menschen und ihrem wunderschönen Land zumindest das geben, was sie so lange Jahre nicht kannten: Respekt. Im Grunde ist es das Einzige, was ich ihnen überhaupt geben konnte und ich empfinde tiefe Dankbarkeit, dass sie sich öffneten und mich durch ihre Augen an ihrer Wahrheit teilhaben ließen. 

Ich habe mich im Vorfeld bewusst thematisch nicht eingeschränkt, doch schlängelt sich durch die Themen dieses Buches der Buddhismus. Die Religion dominiert das Leben im Land, denn über 90 Prozent sind gläubige Buddhisten. Als das Lieblingsvolk Buddhas dulden sie keine Straßenecke ohne Pagode. Die größte und eindrucksvollste ist sicherlich die Shwedagon Pagode, eine gigantisch-goldene Stupa mitten in der belebtesten Stadt des Landes Yangon. Hier kreuzen sich die Wege der Pilger und Touristen. Das Bauwerk ist das beliebteste Instagram-Motiv der jungen Burmesen, die sich nicht entscheiden können, was spannender ist: das gekaufte Blattgold, das sie als Opfergaben an die Buddha Statuen kleben oder die anders gekleideten Touristen. Mönche rezitieren, Familien picknicken und über allem schwebt ein sü.licher Räucherstäbchenduft. 

Diese beneidenswerte Gläubigkeit erhält 900 Kilometer weiter nordwestlich allerdings einen bitteren Beigeschmack. Dort, wo Buddhisten zu Nationalisten werden, fällt man wohl im wahrsten Sinne des Wortes vom Glauben ab. Laute Waffen ersetzen stille Meditation. Die Volksgruppe der Rohinya ist eine muslimische Minderheit, die verfolgt und geächtet wird. Viele Burmesen halten sie für immigrierte Bengalis und selbst die Regierung verweigert 800.000 Rohingya die Anerkennung als Staatsbürger. Am 22./23. Dezember 2015 durfte ich mit einer von der Regierung erteilten Sondergenehmigung die Flüchtlingscamps besuchen. Dank der Hilfe einer burmesischen NGO konnte ich zwei Tage in den Camps von „Ohne Daw Gyi/North“ fotografieren. Ein Ort des Elends, der meine eigene vorweihnachtliche Besinnung auf eine Probe stellte. Ich versuchte, diese Menschen in ihrer Würde abzulichten, auch wenn sie nichts von dem Golfplatz um die Ecke wussten, und keinen anderen Geruch kannten als den Gestank nach Exkrementen. Auch das ist Myanmar. Es ist mir ein Anliegen, dass wir die Dinge sehen, wie sie sind. 

Bevor Sie nun das Ergebnis meiner Arbeit betrachten – 111 Fotografien in diesem Band: „Please wait“! Diesen Satz hörte ich ständig von den Menschen und wenn ich heute die Augen schließe und an sie denke, hallen ihre Worte manchmal wie ein Echo nach. Warten ist vergebens, denn das Leben ist jetzt. Myanmar steckt in einem außergewöhnlichen gesellschaftspolitischen Wandlungsprozess. Der Weg von der Militärdiktatur in eine Demokratie ist beschwerlich. Es gibt Menschen, die daran zerbrechen, wie der liebeswürdige Punker Scum. Dennoch, oder gerade deshalb, möchte ich mit diesem Projekt diesen Moment festhalten, nicht als schwarzweiße Dualität, sondern in seinen Facetten – Grau bis Bunt.

 

Nino Strauch